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cnefortbildung_2016_01_Ausgabeonline

PFLEGEINTERVENTION 10 CNE.fortbildung • 1 I 2016 cne.thieme.de 3eUsSeNtiYen Xnd =iele Der Patient will wieder Kontrolle erlangen, um den Alltag zu bewältigen und möglichst angenehm mit seiner Erkrankung leben zu können. Demgegenüber legen die Gesundheitsanbieter aber den Fokus primär auf eine Verbesserung der klinischen Zeichen und eine Steigerung der Compliance des Patienten in Bezug auf den Behandlungsplan. Dabei hat sich längst gezeigt, dass vielmehr die Perspektive der Betroffenen im Erleben ihrer Erkrankung den Bedarf und den Inhalt der Maßnahmen leiten sollte, um gezielt und mit besserem Erfolg intervenieren zu können. Nur wenn die Krankheitserfahrungen der Betroffenen im Alltag berücksichtigt werden, kann ein Verständnis für ihre Bedürfnisse entwickelt und darauf aufbauend geeignete Schulungen und Beratungen für sie erarbeitet werden. Nur so können die Chancen für eine erfolgreiche Intervention verbessert werden (Grypdonck 2004). Um für diese Perspektive zu sensibilisieren, wird in diesem Artikel der Fokus auf das Leben der Patienten nach einem Herzinfarkt bzw. das Leben mit koronarer Herzerkrankung gelegt. Die dargestellten Erfahrungen sind nur einige Aspekte verschiedener Studien zum Erleben der Betroffenen. Å*eZohnte´ :elt YeUlndeUt sich Kurz nach einem (ersten) Herzinfarkt zeigt sich den Betroffenen eine neue, vollständig veränderte Lebenswelt. Ihr Herz ist nicht länger gesund – der gewohnte Lebensalltag und der Lebensstil müssen neu überdacht werden. Gedanken darüber, dass das Leben nie wieder so sein wird, wie es einmal war, lösen Unsicherheiten, Ängste und Traurigkeit bei den Betroffenen aus. Sie müssen sich neu orientieren und Veränderungen in ihrem Leben vornehmen. Ihr krankes Herz muss in das Leben integriert und die körperlichen Signale müssen richtig gedeutet werden, um entsprechend handeln zu können. AnnehPen leUnen – Es ist schwierig, eine Zukunft anzunehmen, die anders ist als die bislang geplante oder vorgestellte. Besonders die ersten Wochen zu Hause werden als problematisch beschrieben. Viele Veränderungen, sei es durch die Therapie oder durch den eigenen Körper, werden dem Patienten abverlangt, und kaum jemand steht den Betroffenen im Alltag mit Rat zur Seite: » (…) Gut, niemand hat wirklich mit mir darüber gesprochen, was es heißt, wieder zu Hause zu sein. Nein, sie setzten sich hin und fragten, ob ich irgendetwas wissen wolle. Mehr oder weniger war es, was ich zu tun hatte, während ich im Krankenhaus war (…). (frei übersetzt aus Thompson et al. 1995) Das Annehmen dessen, was geschehen ist und was nun noch kommen wird, spielt sich prozesshaft ab und entwickelt sich. Auch das Leben und der Alltag verändern sich in unterschiedlichster Form, je nach Ausprägung der Krankheit. Außer Atem Die Symptome der KHK, wie Atemnot, Erschöpfung und Brustschmerz, haben den wohl größten Einfluss auf das Leben der betroffenen Menschen. Sie wirken sich auf alle Aktivitäten des täglichen Lebens aus, wie den Beruf, das Erledigen der täglichen Hausarbeit oder die Freizeitgestaltung. Besonders die Atemnot, die nachts im Bett auftritt, wird als sehr belastend beschrieben. Sie löst bei den Betroffenen existenzielle Ängste aus, fühlt sich an wie Ersticken oder bald sterben zu müssen. In einer Studie beschreibt ein Betroffener die immer wieder auftretende Atemlosigkeit folgendermaßen: » (…) Ich werde sehr leicht atemlos und fühle mich, als ob ich ersticke, deshalb mache ich verschiedene Dinge nicht mehr. So geht es dann, nur ich kann immer weniger und weniger (…). Es fühlt sich an, als ob ich langsam sterbe. (frei übersetzt aus Roebuck et al. 2001) Der Brustschmerz hat nicht so viele Auswirkungen auf den Alltag wie die Atemnot. Trotzdem wird er als das schwerwiegendste Symptom beschrieben. Denn wenn er auftritt, bekommen die Betroffenen augenblicklich Angst vor einem erneuten Herzinfarkt. Überfürsorglichkeit in der Familie Das akute Ereignis Herzinfarkt oder eine chronische Herzerkrankung verändern die Beziehungen zwischen Partnern und der Familie. Durch übermäßige Fürsorge und Vorsicht der Angehörigen, die diese lebensbedrohliche Situation aus ihrer Perspektive miterlebt haben, entwickeln sich Spannungen. Die Familie passt darauf auf, dass der Betroffene sich nicht zu sehr belastet. Diese Überfürsorglichkeit führt zu einer Art Frustration und ist für den Betroffenen schwer anzunehmen, zumal eine Rollenveränderung stattfindet: Die Betroffenen erfahren das Gefühl der Abhängigkeit. » (…) Im Moment ist meine Tochter nicht da, aber wenn sie gewusst hätte, dass Sie heute kommen, wäre sie hier gewesen, um ein Auge auf mich zu haben. Es war sehr traumatisch für sie (die Familie). (…) Wir hatten einen großen Krach darüber, da ich auf einmal eigentlich wie ein Baby behandelt werde und mir nicht erlaubt ist, Dinge selbst zu machen (…). (frei übersetzt aus Roebuck et al. 2001) Warten auf Normalität In dieser instabilen Situation erwarten die Betroffenen – sozusagen als Ziel ihres Gesundungsprozesses –, wieder „Normalität“ zu erreichen. Was das genau ist, wird dabei individuell sehr unterschiedlich empfunden. Die einen wollen wieder arbeiten gehen oder möchten wieder aktiv im Haushalt helfen können, und die anderen streben nach Schmerzfreiheit oder Beendigung jeglicher anderer Symptome der KHK. Ein Betroffener beschreibt das wie folgt: »Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder total normal sein werde, wie ich vorher war. Aber, ja, ich werde zurück zu einem normalen Leben kommen, das ist sicher. Ich möchte in der Lage sein, arbeiten gehen zu können.“ (frei übersetzt aus Thompson et al. 1995)


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