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cnefortbildung_2016_01_Ausgabeonline

PFLEGEINTERVENTION 8 CNE.fortbildung • 1 I 2016 cne.thieme.de und äußerer Reize unter Zuhilfenahme (Ausnutzung von Erfahrung und /ernen´ ()r|hlich 1 . Er erkennt, dass Wahrnehmung und Sinnesleistung nicht zwingend identisch sind, sondern eher einen zentralen Prozess darstellen, welcher das Informationsmaterial der Sinnesorgane im Gehirn so verarbeitet, dass für den Menschen daraus eine Bedeutung entsteht ()r|hlich 1. Eine solche Bedeutung kann ganz unterschiedlich ausfallen und schließt emotionale, soziale und auch andere Komponenten ein. „Wahrnehmung ist also weder von der organischen Seite, den Sinnesorganen, noch von der sozialen abzulösen, sie ist Teil eines ganzheitlichen Geschehens und Erlebens´ ()r|hlich 1 . Christel Bienstein wurde durch ihren Bruder in den 1980er Jahren an die Basale Stimulation herangeführt und so mit Professor Fröhlich bekannt. Begeistert von dem Konzept der Wahrnehmungsförderung übertrugen es die beiden auf die Kinder- und Erwachsenenpflege. Heute profitieren beispielsweise Beatmete, Bewusstlose, Patienten mit chronischen, neurologischen und onkologischen Erkrankungen sowie unruhige, ängstliche Patienten oder Menschen mit chronischen Schmerzen von diesem Konzept. Auch für Betroffene mit Körperbildveränderungen und -störungen ist es anwendbar. Basale Stimulation kommt bei Früh- und Neugeborenen sowie auch bei alten Menschen zum Einsatz. Basale Stimulation versteht sich heute ·a ls … Entwicklungsanregung in frühen Lebensphasen, · Angebot ganzheitlichen körper- und psychobezogenen Lernens, · Orientierung gebend in unklaren Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Kommunikationssituationen, · Begleitung von Menschen in der letzten Lebensphase, · Stressreduktion für Menschen in belastenden Situationen, · anregende, entspannende und bereichernde Unterstützung im Alltag. Ziele der Basalen Stimulation sind laut Bienstein und Fröhlich: · Leben erhalten und Entwicklung erfahren · das eigene Leben spüren · Sicherheit erleben und Vertrauen aufbauen · den eigenen Rhythmus entwickeln · das Leben selbst gestalten · die Außenwelt erfahren · Beziehungen aufnehmen und Begegnung gestalten · Sinn und Bedeutung geben und erfahren · Autonomie und Verantwortung leben *UXndlaJen Der Mensch durchläuft innerhalb seines Entwicklungs- und Wahrnehmungsprozesses sowohl intra- als auch extrauterin bestimmte Stufen der Wahrnehmungsentwicklung (→ Abb. 2. 9estibXllUe Xnd YibUatoUische :ahUneh- PXnJsentZicNlXnJ – Die erste ist die somatisch, vestibulär und vibratorisch geprägte Stufe. Sie beginnt mit dem Wachstum im Mutterleib. Bereits hier erhält der Fötus eine Fülle an somatischen und vibratorischen Informationen, z. B. die umgrenzende und warme Umgebung, die Darmgeräusche der Mutter, Atmung, Herzschlag und die Stimme der Mutter. Eine vestibuläre Reizung erfährt der Fötus durch das „Geschaukeltwerden“ im Fruchtwasser. Nicht selten werden Schwangere dazu angehalten, bewusst ruhig und sonor zu sprechen, damit Vibrationen sich wellenförmig zum Kind fortsetzen können. Ein kleines schreiendes Kind wird durch klopfende Berührungen auf dem Rücken (dabei leiten Platten- und Röhrenknochen Vibrationen in das .|rSerinnere und durch gleichzeitiges Auf- und Ab- bzw. Hin- und Herwiegen beruhigt. Somit ist das Ziel der vestibulären Stimulation die Erfahrung von Körpertiefe und -fülle und innerer Stabilität und die Schulung der Tiefensensibilität. Die vestibuläre Wahrnehmung informiert uns über die Lage und Bewegung des Körpers im Raum. Diese Bereiche vermitteln uns also schon vor der Zeit unserer Geburt eine Fülle von Wahrnehmungserfahrungen. Sie bilden die Grundlage des Urvertrauens. Im obigen Beispiel greift der Tröster völlig unbewusst und intuitiv auf die intrauterin gemachten Erfahrungen zurück, welche eine besondere emotionale Bedeutung zu haben scheinen. Der Tröster vermittelt damit Geborgenheit und Sicherheit, und der Getröstete beruhigt sich. Auf der Basis des Urvertrauens werden dann nach der Geburt die ersten drei Wahrnehmungsbereiche weiter verfeinert. Gleichzeitig werden die im Wahrnehmungsstufenkonzept aufgeführten übrigen Wahrnehmungsstimulationen miteinbezogen und weiter ausgeformt. So entsteht durch den ständigen Austausch die Erfahrung des Selbst in Abhängigkeit von und mit der Umgebung. An diese Urwahrnehmungsempfindungen knüpft Professor Fröhlich an. » 3atientenbeisSiel Über den entblößten Brustkorb eines spastischen -ungen werden z. B. ungekochte Erbsen gegeben und mit den Handinnenflächen der behandelnden Person verrieben. Bei dem bislang eher amimischen (fehlende Mimik) Kind werden sowohl erstaunt aufgerissene Augen als auch Muskelzuckungen festgestellt. So berichtete Christel Bienstein während eines Kongresses Mitte der 1990er Jahre in Essen. Bewegung Sozialerfahrung Wahrnehmung Gefühle Sprache Körpererfahrung Sprechen Kognition Abb. 1 BeeinÁussung der :ahrnehmung (nach Professor Andreas Fröhlich) Quelle: Doris Strauch visuell taktil-haptisch akustisch oral/nasal somatisch – vibratorisch, vestibulär Abb. 2 Stufen der :ahrnehmungsentwicklung Quelle: Doris Strauch


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