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cnefortbildung_2016_01_Ausgabeonline

PFLEGEINTERVENTION 14 CNE.fortbildung • 1 I 2016 cne.thieme.de Lernprozess ungünstig, da sie die Fähigkeit des Gehirns zur Umorganisation nicht nur herdförmig, sondern global beeinträchtigen. Zusätzlich können durch die Hirnschädigung bedingte Hirnleistungsstörungen (neuroSs\chologische 6t|rungen die Lernfähigkeit einschränken. Auch die erfolgreichste Zusammenarbeit zwischen Patient, Pflegenden und Therapeuten ermöglicht keine „Heilung“ der Hirnläsion. Angestrebt ist jedoch immer eine Verbesserung der Situation des Betroffenen. Mit dem Bobath-Konzept wird im Gegensatz zu herkömmlichen Methoden keine notdürftige Kompensation der Lähmungen, sondern das Wiedererlernen normaler Bewegungsfähigkeiten angestrebt. Die intensive Mitarbeit des Patienten vorausgesetzt, wird sich der betroffene Patient wieder selbstständiger im Alltag bewegen können. Dauernde Pflegebedürftigkeit und Abhängigkeit von fremder Hilfe können so in vielen Fällen vermieden werden. /eUnanJebot %eZeJXnJ in deU AlltaJssitXation Die therapieunterstützende Gestaltung des Übergangs von einer Ausgangsstellung (A67 zu einer anderen .|rSerSosition durch Führung und Bewegung des Körpers in normalen, nichtkompensatorischen, situationsangepassten Bewegungen ist das wesentlichste Lernangebot. Ziel ist, das Nervensystem wiederholt mit der Erfahrung und dem propriozeptiven Input einer normalen Bewegung verbunden mit einer dazu gehörigen Alltagsaufgabe zu konfrontieren. Die Erleichterung der normalen Bewegung trotz der partiellen Schwäche des Betroffenen bzw. des partiellen Hypertonus seiner Muskulatur wird als Fazilitation bezeichnet. Fazilitation ist ein gegenseitiger Lernprozess zwischen dem Betroffenen und dem Pflegenden, der dem Betroffenen mit seiner Behinderung möglichst normale Bewegungen und Aktivitäten ermöglichen soll. Das therapieunterstützende Bewegen des Patienten erfolgt z. B. im Rahmen eines jeden Wechsels von einer Ausgangsstellung in eine andere, u. a. beim Betten, Umlagern und Aufstehen. Immer, wenn der Patient bewegt oder transportiert wird, werden die Prinzipien der normalen Bewegung berücksichtigt. ,nIo ·P rinzipien der Fazilitation: Bewegung ermöglichen · Bewegung notwendig machen · Bewegungshilfen angepasst reduzieren · Bewegungsablauf beobachten Bewegung ermöglichen Damit eine Bewegung überhaupt und möglichst normal erfolgen kann, müssen die Stellung des gesamten Körpers und die Stellung der Körperteile zueinander stimmen. Das Aufstehen ist z. B. nur mit sehr hohem Kraftaufwand und erheblichen Anforderungen an das Gleichgewicht möglich, wenn die Füße zu weit nach vorne auf den Boden gesetzt werden. Die richtige Stellung der Körperteile zueinander (Alignment ist 9oraussetzung fr normale Bewegung. Eine weitere Voraussetzung für normale Bewegung ist die Beweglichkeit der Körper abschnitte gegeneinander. Bei hirngeschädigten Menschen ist sie oft durch erhöhten Muskeltonus (nicht nur in den betroffenen .|rSerabschnitten ein geschränkt. Durch gewaltloses Bewegen der Körperabschnitte gegeneinander (Bewegen des Körpers in sich selbst vor dem Bewegen des .|rSers im 5aum k|nnen derartige Fixierungen oft gelöst werden. Damit wird normalere Bewegung ermöglicht und vorbereitet. Bewegung notwendig machen Die Initiation und Kontrolle einer Bewegung wird nicht alleine durch den motorischen Kortex, sondern durch multiple vernetzte Systeme im Großhirn, Kleinhirn, Hirnstamm und Rückenmark durchgeführt. Eine Bewegung wird nicht stets „neu erfunden“, sondern das Nervensystem greift auf Bewegungsprogramme und Bewegungserfahrung zurück und moduliert diese nach dem aktuellen Handlungsantrieb und dem propriozeptiven und exteroze Stiven InSut (7homSson 1. Um auf die Bewegungsprogramme und -erfahrung zugreifen zu können, ist es also wichtig, einen klaren Bewegungs- bzw. Handlungsantrieb zu geben. %eisSiel Im Stand wird durch das Greifen nach einem links seitlich vor dem Patienten liegenden Handtuch mit der rechten Hand automatisch auch eine Gewichtsverlagerung auf das linke Bein und eine Rumpfrotation erreicht. Oft kann der Betroffene diese Bewegungen ohne die eindeutige Situation aber nicht abrufen. Diese Tatsache ermöglicht gerade der Pflege ein therapieunterstützendes Arbeiten im Alltag. Der Patient kennt Aktivitäten und Bewegungen im Rahmen der Körperpflege, des An- und Ausziehens und der Nahrungsaufnahme aus der Zeit vor seiner Hirnschädigung. Die „Erinnerung“ des Nervensystems an eine Bewegung wird im Wesentlichen durch den propriozeptiven Input geweckt. Deshalb versuchen wir, die neuromuskuläre Aktivität durch eindeutiges Führen des Körpers in die Bewegung notwendig zu machen. Wenn die Körperbereiche richtig zueinander stehen (richtiges Alignment und der zu diesem Alignment passende sensorische Einstrom zum Nervensystem erfolgt, ist das Lernangebot in Richtung normaler Bewegung gegeben. Manche Patienten können aus dieser Situation heraus die Bewegungsfunktion sogar spontan durchführen. Das eindeutige Führen des Körpers in die Bewegung erfolgt z. B. durch: · Führen der Körperseite (vollständige hbernahme der Bewegung · Führen mit Gewichtsabnahme und Kraftunterstützung · Bewegungsanreize durch taktile Stimuli oder Umgebungsreize · verbale Stimulation über Stimme und Kommandos Bewegungshilfen reduzieren Der Lernprozess des Pflegenden besteht darin, herauszufinden, wie eine Bewegung am besten für einen individuellen Menschen möglich und notwendig gemacht werden kann. Es gibt keine Standards der Fazilitation. Sobald man jedoch einen guten Weg mit dem Patienten gemeinsam gefunden hat, ist es wichtig, an das Wegnehmen der Hilfen zu denken. Denn wo der Pflegende hilft, ist der Patient passiv. Bewegungsablauf beobachten Nachdem die Bewegung eingeleitet wurde, muss die Pflege den Bewegungsablauf beurteilen:


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